Forschung

Der Arbeitsbereich liegt an der Schnittstelle zwischen der traditionellen Analyse internationaler Beziehungen, der Forschung zu grenzüberschreitend agierenden gesellschaftlichen Akteure und einigen normativen Fragestellungen der politischen Theorie, insbesondere der Demokratietheorie. Verknüpft werden diese verschiedenen Stränge der Forschung durch die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Arbeitsbereichs auf Fragen der Legitimität von Regieren jenseits des Nationalstaats. Legitimation als sozialer Prozess und Legitimität als dessen Resultat sind Phänomene, die sich durch die enge Verklammerung einer empirischen und einer normativen Dimension auszeichnen, und zwar in dem Sinne, dass im Konzept der Legitimität die empirische Geltung einer politischen Ordnung abhängig gemacht wird von normativen Erwägungen der Richtigkeit und Angemessenheit. Ausgehend von diesem Kernkonzept und einem ebenso empirisch-analytischen wie normativ-theoretischen Erkenntnisinteresse versuchen wir im Arbeitsbereich eine neue, kritische Perspektive auf die politische Bearbeitung grenzüberschreitender Probleme und Konflikte zu entwickeln. Begriffe wie "Global Governance" oder "Weltregieren ohne Weltregierung" werden hier nicht als neutrale Beschreibung eines empirischen Phänomens verstanden, sondern als diskursive Dimension eines politischen Projekts, in dem bestimmte, in einigen Fällen auch durchaus neuartige, institutionelle Lösungen zur Bearbeitung transnationaler Problemlagen propagiert werden. Diese institutionellen Vorschläge sind  rechtfertigungsbedürftig und die Praxis ihrer öffentlichen Rechtfertigung, oft als Antwort auf öffentlich vorgetragene Kritik an ihnen, steht gegenwärtig im Fokus des Forschungsinteresses des Arbeitsbereichs. Die aktuellen Forschungsaktivitäten lassen sich grob in drei Teilbereiche gliedern:

 

 (1) Legitimationsnarrative internationalen Regierens

Im Mittelpunkt stehen hier tradierte und aktuelle Rechtfertigungen internationalen Regierens. Ausgangspunkt ist ein Forschungsinteresse an den nicht auf demokratische Partizipation und Kontrolle abzielenden Rechtfertigungen internationaler Organisationen als funktionale Agenturen, die sich historisch bereits seit der Zwischenkriegszeit deutlich nachweisen lassen. Dieser Vision des internationalen Regierens zu Grunde liegt ein Verständnis von internationalen Organisationen als Motoren transnationaler gesellschaftlicher Modernisierung, die sich insbesondere durch effiziente transnationale Problemlösung legitimieren. Die Geschichte und der genaue normative Gehalt dieser Rechtfertigungsnarrative sind bisher in der Politikwissenschaft noch nicht systematisch untersucht worden. Dabei wird nicht, wie es bisweilen etwas verkürzend geschieht, von einer reinen Output-Legitimation ausgegangen (im Sinne eines Verweises auf positive Ergebnisse des Regierens). Vielmehr wird der Blick gerichtet auf die flankierenden, in den entsprechenden Rechtfertigungsdiskursen enthaltenen normativen Begründungselemente, wie der internationalen Herrschaft des Rechts, der Pflicht zur Begründung aller Entscheidungen und der Expertise einer transnationalen Fachbürokratie, die eine effiziente transnationale Problembearbeitung überhaupt erst ermöglichen. Untersucht wird im Rahmen dieses Projektes auch das Verhältnis dieser Entwürfe globaler Expertokratie zu den Erfordernissen einer demokratischen Selbstregierung auf transnationaler Ebene, wie sie von Kritikern internationaler Organisationen seit den 1990er Jahren verstärkt eingefordert wird. Aufgrund der historischen Orientierung des Projektes und der zentralen Rolle des Rechts in der Legitimationsbegründung internationaler Organisationen findet im Rahmen dieses Projektes ein intensiver Dialog mit Rechtswissenschaftlern, insbesondere aus dem Bereich des Völkerrechts, und mit Historikern, insbesondere aus dem Bereich der „Global History“ statt.

 

(2) Legitimationspotenziale zivilgesellschaftlicher Partizipation

Einer der möglichen Anknüpfungspunkte expertokratischer und demokratischer Rechtfertigungen transnationalen Regierens ist die Institutionalisierung zivilgesellschaftlicher Beteiligung in internationalen Organisationen. Die möglichen Vorteile einer solchen Einbindung liegen vor dem Hintergrund eines deliberativ-partizipativen Demokratiebegriffs darin, dass erstens zivilgesellschaftliche Akteure im Rahmen nicht-territorialer, funktionaler Partizipation die Anliegen der Bürger direkt in die Foren des internationalisierten Regierens einbringen und zweitens auch ganz maßgeblich zur Schaffung einer transnationalen politischen Öffentlichkeit beitragen können. Zu diesem Thema hat Jens Steffek in den letzten Jahren bereits eine Reihe von Publikationen vorgelegt, die sich mit der institutionellen Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen wie etwa NGOs in intergouvernmentalen Organisationen auseinandersetzen. Von Interesse ist in diesem Forschungsbereich zum einen die empirische Frage, warum und unter welchen Bedingungen derartige Kooperationen zwischen intergouvernmentalen und nichtstaatlichen Akteuren entstehen, und wie sie am besten zu typologisieren und zu analysieren sind. Zum anderen steht die Frage im Raum, welche Folgen derartige Kooperationen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren in der Praxis für die demokratische Qualität des Regierens haben und wie sie sich insbesondere auf die Gleichheit politischer Partizipation auswirken.

 

(3) Globale Ordnung und die soziale Frage

Zahlreiche Debatten über die Legitimität inter- und transnationalen Regierens kreisen momentan um Fragen der globalen Gerechtigkeit. Dies ist nicht erst seit der vehementen Globalisierungskritik der 1990er Jahre so, wie ein Rückblick auf die Auseinandersetzungen über eine neue Weltwirtschaftsordnung in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts verdeutlicht. Fragen der globalen Verteilung und Verteilungsgerechtigkeit wurden jedoch von der herrschenden liberalen Konzeption internationalen Regierens und auch von der funktionalen Zusammenarbeit weitgehend ausgeblendet, nicht zuletzt weil diesen Organisationen auch die Mittel fehlen, um eine „globale Sozialpolitik“ zu betreiben. Die Clusterprofessur knüpft hier an frühere Arbeiten zur Frage der sozialen Einbettung globaler politischer Kooperation an, in denen dem vorherrschenden Design des embedded liberalism die Alternative eines redistributiven Multilateralismus gegenübergestellt wurde. Diese Frage wird derzeit in einer Kooperation mit Jeffrey McGee (Universität Newcastle/Australien) zum möglichen Ende des redistributiven Multilateralismus im Bereich der globalen Klimapolitik nach dem Kopenhagener Klimagipfel weiterverfolgt. Zugleich verändert sich derzeit das globale politische Gefüge durch den rasanten Aufstieg ehemaliger Entwicklungsländer wie Brasilien, Indien und China zu neuen Wirtschaftsmächten ganz rapide. An diesem Punkt setzen weitere Kooperationen des Arbeitsbereichs mit Partnern im In- und Ausland an.

Kontakt

Transnationales Regieren

Arbeitsbereichsleiter

Prof. Dr. Jens Steffek

Technische Universität Darmstadt
Institut für Politikwissenschaft
Dolivostr. 15
64293 Darmstadt

steffek@pg.tu-darmstadt.de
Tel: +49 (0)6151/ 16-57357
Fax: +49 (0)6151/ 16-57472
Raum: S4/23/211 (Eingang Landwehrstraße 50A)

Sprechstunden

donnerstags, 10:00 bis 11:30 Uhr

(Anmeldungsliste an der Tür von Raum 211)

Sekretariat

Martina Dingeldein

dingeldein@pg.tu-darmstadt.de
Tel: +49 (0)6151/ 16-57356
Fax: +49 (0)6151/ 16-57472
Raum: S4/23/210

Öffnungszeiten Montag bis Freitag, 9:00 bis 13:00 Uhr

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